
Eine trockene Hitze liegt bleischwer im ivorischen Kakaowald nahe der Stadt Divo. Es ist Jänner und eigentlich Nebensaison für die Kakaobauernfamilien – die Haupternte in Côte d’Ivoire ist bereits vorüber. Aber eine Ruhepause gibt es nicht, wie die kleine Delegation der Kooperative einer FAIRTRADE-Besuchergruppe anschaulich zeigt.
Kakaoernte in Côte d’Ivoire
Fünf Zentimeter hoch liegt das welke Laub im Wald. Im Unterholz tummeln sich Nagetiere und – weitaus gefährlicher – Schlangen. Darum trägt jede Bäuerin und jeder Bauer, die wir am Weg treffen, knielange Stiefel. Eine Anschaffung, die mit der FAIRTRADE-Prämie getätigt wurde.
Hier in Côte d’Ivoire leben die Bauernfamilien, die zusammen mit jenen aus Ghana insgesamt mehr als die Hälfte der Welternte von Kakao anbauen und ernten. Fahrräder und Macheten sind ihre wichtigsten Besitztümer im Berufsalltag. „Seht ihr diesen grünen Halm da?“, fragt Traore Ousmane, einer der Bauern, die uns begleiten. Er ist der Chairman der FAIRTRADE-Kooperative Ecakog. „Das ist ein Kakaosteckling. Wenn ich ihn nicht entferne, nimmt er meinem Baum viel Grundwasser weg und schwächt ihn“, erklärt er.
Auch kleine Kakaoschoten, die faulen oder von Schädlingen befallen werden, müssen abgeschnitten werden, um den Baum gesund zu halten. Dazu kommt noch regelmäßiges Düngen, das hier bereits weitgehend biologisch mit Kakaoschalenresten und ähnlichen Mitteln erfolgt.
Strenge Kontrollen gegen Kinderarbeit
Um diese Arbeiten effizient und schnell erledigen zu können, bedarf es neben einer guten Kondition auch eines geschulten Auges. Für die Kakaobauernfamilien ist das in der Regel kein Problem. Sie gehen ihrem Handwerk schon seit Generationen nach. Die FAIRTRADE-Standards, das verbindliche Regelwerk des fairen Handels, verbieten es den Kindern nicht, ihre Eltern zu unterstützen, ziehen aber klare Grenzen zwischen Lernen und Helfen und ausbeuterischer Kinderarbeit.
Die Kinder der Bauernfamilien gehen in die Schule, schwere körperliche Arbeit oder gefährliche Tätigkeiten sind verboten. Das wird auch von FLOCERT, einer unabhängigen Kontrollstelle – mitunter auch unangekündigt – überprüft.
Nach dem Kakaowald besuchen wir eine Schule in der Nähe, die eben mithilfe der FAIRTRADE-Prämie errichtet wurde. Das Handwerk der Eltern will kaum jemand ergreifen. Die Kinder wissen, wie schwer die Arbeit und wie gering das Einkommen dafür nach wie vor ist. Darum träumen sie davon, nach der Volksschule in eine höhere Lehranstalt gehen, vielleicht sogar studieren zu können. Den Grundstein dafür legen sie hier. Große Dinge haben eben manchmal einen kleinen Anfang. So wie die mehr als 20 Zentimeter langen reifen Kakaofrüchte, die aus einer winzig kleinen Blüte wachsen.
Erste Erfolge
Für die Kinder von Bertine Kouassi Adjoua ist dieser Traum bereits greifbar. Die Bäuerin bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann sechs Hektar Anbaufläche, auf der zum großen Teil Kakaobäume stehen. Dank der Schulungen von FAIRTRADE konnte sie die Produktivität so weit erhöhen, dass genug Geld da war, ihre fünf Kinder auf höhere Schulen zu schicken und ein größeres Haus für sich und die Familie zu bauen. Seit Kurzem gibt es in ihrem Dorf auch ein Stromnetz. Als Nächstes wünscht sie sich einen Brunnen mit automatischer Pumpe für die Siedlung – aktuell muss man das Wasser noch mühsam per Seilwinde und Kübel holen.
Gleichstellung von Mann und Frau
Die Geschichte von Bertine Kouassi Adjoua zeigt, wie viel sich in der Gegend dank FAIRTRADE schon getan hat. Dass auch sie als Frau das Schicksal ihrer Familie so aktiv mitgestalten kann, ist auch ein Verdienst der Women’s School of Leadership. In dem von Fairtrade Afrika entwickelten Programm stehen unter anderem Finanzmanagement, Ernte- und Fermentationsmethoden auf dem Stundenplan, zugleich fördert es die Stellung von Frauen in der Gesellschaft. Im Sommer 2020 haben trotz Corona-Krise 30 Frauen und zehn Männer aus verschiedenen FAIRTRADE-Genossenschaften die Women’s School of Leadership abgeschlossen.
Bertine Kouassi Adjoua ist optimistisch, dass es trotz der Pandemie weiter bergauf geht. „Seit wir 2014 FAIRTRADE-zertifiziert wurden, hat sich schon einiges zum Guten verändert. Ich hoffe, dass wir künftig noch größere Teile unserer Kakaoernte zu FAIRTRADE-Bedingungen verkaufen und so weitere Verbesserungen für die Menschen hier erreichen können“, sagt sie und appelliert damit auch abschließend an Konsumentinnen und Konsumenten sowie Produzentinnen und Produzenten hierzulande, bewusste Entscheidungen für mehr Fairness in der Kakaoindustrie zu treffen.